Europa eint: erst die Interessen, dann die Werte

27.05.2019 Gesellschaftspolitische Kommunikation von Johannes Zenner 

Die Europawahl und 70 Jahre deutsches Grundgesetz erinnern uns auch daran, welche Kompetenzen Deutschland und die EU weltweit eigentlich auszeichnen – und was sich wirtschaftspolitisch vor allem mit den USA erreichen lässt.

Kurz vor den Europawahlen ist das deutsche Grundgesetz 70 Jahre alt geworden. Es ist ohne Frage die beste Verfassung, die dieses Land je hatte, sowie die Grundlage für Deutschlands neue Akzeptanz ab 1949 in Europa – und weltweit. Deutschland und Europa konnten sich fortan schrittweise weiterentwickeln, mit global gestärkter Rolle auch dank enger Beziehungen zu den USA. Wesentlichen Beitrag dazu leistete die 1952 hierzulande gegründete „Atlantik-Brücke“, die das dünne Band zwischen Deutschland und den USA wieder stärkte.

Brücken bauen

Spricht man aber aktuell mit hochrangigen politischen wie wirtschaftlichen Vertretern der „Atlantik-Brücke“, sind viele warnende und besorgte Stimmen darunter. Man müsse sich wieder mehr um den Dialog mit den USA bemühen – und zwar im Sinne Europas. So dürfe man wegen Präsident Donald Trumps fragwürdigen Wildwest-Methoden jetzt nicht das ganze Land in Sippenhaft nehmen. Empfehlung: Den USA mit offenen Armen begegnen.

Der designierte neue Vorsitzende der „Atlantik-Brücke“, Sigmar Gabriel (SPD), sagte jüngst im kleinen Kreis, dass Trump ohnehin für das alte Amerika stehe. Die Perspektive weite sich bereits. Das neue Amerika bilde sich gerade heraus: hin zu einer heterogenen Bevölkerungsgruppe, die insbesondere an den Küsten und in den Metropolen zunehmend aus Hispanics und Asiaten bestehe. „Trump-Wähler von morgen sehen anders aus.“ Die USA würden zwangsläufig bunter, liberaler. Die Diplomatie stehe vor einer Renaissance – mit neuen Chancen für Europa.

Erste Entwarnung also für die USA. Gabriel mahnte zugleich: „Die politischen Schwergewichte China und Russland nehmen diesen Entwicklungsschritt absehbar nicht.“ Folge: Feingefühl sei gefragt. Europa solle sich dabei nicht mehr so starr auf einzelne Partner und gemeinsame Werte berufen. „Werte sind oft zu abstrakt. Wir müssen zuerst über Interessen reden. Denn die lassen sich klar formulieren – und schließlich zusammenführen. Dann kommen die Werte.“ Richtig: Wenn die USA und China weiterkommen möchten, etwa bei der Digitalisierung, dann nur, wenn sie – in beiderseitigem Nutzen – gezielt kooperieren. Der ungelenk ausgetragene Handelskonflikt vergeudet Energie, verhärtet Fronten und zerstört Beziehungen. Beispiel: der US-Bann des chinesischen Tech-Giganten Huawei.

Ohne Netzwerk geht es nicht. Alles beginnt mit gemeinsamen Interessen. Wer scheinbar divergierende Ausrichtungen zusammenführt, profitiert langfristig. Es gibt keine Verlierer. Oft ist ein Akteur aus der zweiten Reihe gut geeignet, da er sich unabhängig zwischen Fronten stellen kann – und mit Verhandlungsgeschick bzw. dem Aufzeigen gegenseitiger Vorteile Gegner zu Partnern macht. Diese Rolle ist wie geschaffen für Europa – motiviert aus Deutschland.

# Europa # USA # Atlantik-Brücke

Zurück