Über den Umgang mit „alternativen Fakten“ oder: Des Kaisers neue Kleider

27.01.2017 Gesellschaftspolitische Kommunikation von Bernd Buschhausen 

Die erste Pressekonferenz des Weißen Hauses nach Trumps Amtseinführung hat uns eines deutlich vor Augen geführt: Auch wir im Westen, in Ländern mit freien Medien und demokratisch-freiheitlichen Werten, müssen lernen, mit „alternativen Fakten“ umzugehen. Sprich: Der wahrheitsverdrehenden Propaganda mit seriöser, faktenreicher und nüchterner Kommunikation zu begegnen.

Es ist schon kurios, dass es für das Trump-Team offenbar das Wichtigste war, sich die Deutungshoheit über die Publikumsgröße zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten zu sichern. Und zwar, indem sie die objektiven Tatsachen leugnen, das Gegenteil behaupten und diese Tatsachenverdrehung als „alternative Fakten“ in den Medien durchsetzen wollen: Das hat in unserer freiheitlich-demokratischen Welt eine ganz neue Qualität. Die Vehemenz, mit der Trump die Deutung der Bilder entgegen der Tatsachenlage vorgibt, erinnert an die systematische Desinformation in der DDR, die Bildmanipulation in China oder die russische Informationspolitik zur Krimannexion. Und das macht den ganzen Vorgang so verstörend, schließlich ist Trump der mächtigste Mann der Welt, die Vereinigten Staaten Vorbild und Anker für unsere freiheitlichen Werte, die es zu verteidigen gilt.

Nun ist die Nutzung von Statistiken, Daten und Fakten in der Kommunikation nichts Neues. Die aus Studien und Umfragen gewonnenen Daten und Fakten gehören auch in unserer Arbeit zum Standardrepertoire. Sie sind Ausgangspunkt für die Definition eines berechtigten Anliegens, liefern das Material für eine glaubwürdige Information und die Grundlagen für effektive Botschaften, um Unterstützer für die eigene Position zu werben. Allerdings entfalten diese erst im Wettbewerb mit anderen Positionen ihre Überzeugungskraft. Das Bestehen auf ein Deutungsmonopol wie bei Trump unterhöhlt hingegen langfristig die Glaubwürdigkeit des eigenen Anliegens und schadet letztlich auch der eigenen Reputation.

Wie aber nun umgehen mit „alternativen Fakten“ und „fake news“?

Wir müssen wieder lernen, Tatsachen und Fakten, so abenteuerlich, verführerisch oder auch plausibel sie klingen mögen, im Kontext zu betrachten und zu hinterfragen. Denn aus dem Kontext ergibt sich die Motivation für die Aussage, die getätigt wurde. Im Trump’schen Fall war nicht die Liebe zur Wahrheit, sondern die Sicherung der Deutungshoheit und Einschüchterung der Medien die auschlaggebende Triebfeder. Wilde Aussagen gepaart mit scheinbaren Fakten müssen wir daher auf ihren Wahrheitsgehalt durchleuchten und nüchtern mit Fakten begegnen.

Nicht jede Aussage, Falschnachricht oder „alternative Tatsache“ verdient unsere volle Aufmerksamkeit. Eine abstruse Aussage eines Donald Trump, neue Enthüllungen oder Aktionen einer Aktivistengruppe, die Geschichtsumdeutung durch eine politische Gruppierung, sie alle dienen einem Zweck: Die eigene Agenda in der Öffentlichkeit voranzutreiben. Je größer die erzielte Aufmerksamkeit, umso größer die Chance, den Schein von Mehrheiten für das eigene Anliegen zu erzeugen. Statt also auf jede wilde Aussage einzugehen und mit dem vollen Instrumentarium der Kommunikation zu antworten, müssen wir abwägen, wann es sich lohnt, aktiv zu werden, um nicht in die Aufmerksamkeitsfalle zu tappen.

Fakten und Tatsachen müssen nicht nur den Kopf ansprechen, sondern auch den Bauch. In der heutigen Medienwelt spielen Bilder eine zunehmend große Rolle. Erfolgreiche Kommunikationsansätze müssen mit starken Daten hinterlegt, digital verstärkt und mit kreativen Informationspaketen kommuniziert werden. Neben nüchternen Tatsachen brauchen wir attraktive Kommunikationsangebote – damit sie vom Gegenüber gerne angenommen werden und Resonanz finden.

Und schließlich setzt der effektive Umgang mit „alternativen Fakten“ Mut voraus, um Falschaussagen offensiv zu begegnen, auch wenn die eigene Position gefährdet werden könnte. Denn Organisationen müssen Reputation und Vertrauen über einen langen Zeitraum erarbeiten und verteidigen, um nachhaltig erfolgreich zu sein. Das Nachgeben für den kurzfristigen Erfolg kann langfristig den Ruf der eigenen Organisation schädigen. Deshalb gilt es, mutig und bestimmt für das eigene Anliegen zu stehen, es im Dialog mit vielen fortzuentwickeln und Mehrheiten für dessen Durchsetzung zu überzeugen. Des Kaisers neue Kleider müssen so genannt werden, wie sie sind – das Recht auf ein Meinungsmonopol gibt es bei uns nicht. Dafür müssen wir einstehen.

# Donald Trump # 2017 # Fake Nachrichten

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