Wie „Politisches Framing“ unsere Einstellung manipuliert

30.10.2017 Gesellschaftspolitische Kommunikation von Thomas Stein

Nur wenige Stunden nach den Anschlägen vom 11. September sprach der damalige Präsident George W. Bush nicht über die „Toten", sondern über die „Gefallenen" der Angriffe – und hob die USA damit in den Kriegsmodus. Donald Trump wies seine Regierung an, künftig nicht mehr über „die globale Erderwärmung“, sondern ausschließlich von „Wetterextremen“ zu sprechen, um so die Bedeutung auf regionale Ereignisse zu reduzieren. In Deutschland wird der Begriff „Flüchtlingswelle“ verwendet, um eine physische Bedrohung darzustellen, von der wir überrollt werden und die Schutz notwendig erscheinen lässt. Die Tragweite des „Framing“ in der Politik ist weitreichend und allgegenwärtig. Über Wörter und Begriffe wird unser Blick auf Geschehnisse in bestimmte Bahnen gelenkt – oft ohne, dass wir es merken.

„Es ist höchste Zeit, unsere Naivität gegenüber der Bedeutung von Sprache in der Politik abzulegen“, so eine zentrale Botschaft des Buchs „Politisches Framing – Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ von Elisabeth Wehling. „Framing“ beschreibt das bewusste Setzen eines Bedeutungsrahmens über Wörter und ist ein wichtiges Rezept politisch erfolgreicher Akteure. Und das schließt Populisten mit ein.

Steuerlast oder Steuerbeitrag?

Wörter, die wir sehen und hören, vollziehen wir gedanklich nach und setzen sie in den uns vertrauten Bezugsrahmen, dem „Frame“. So ist eine „Steuerlast“ schwer zu tragen, ein „Steuerbeitrag“ aber positiv im Sinne einer Leistung zum Gemeinwohl zu verstehen. Gerade in der Politik müssen abstrakte Sachverhalte, wie Steuern, Gesundheitspolitik oder Klimaveränderung, anschaulich vermittelt werden. Über das Anknüpfen an körperlich-sinnliche Erfahrungen kann das Verstehen erleichtert werden. Die Empfindung zu einem Sachverhalt kann jedoch über das ausgewählte Wort in eine bestimmte Richtung gelenkt werden. Diese „konzeptuellen Metaphern“, die im Gehirn seit unserer Kindheit gespeichert sind, wirken dabei meist unterbewusst vermittelnd zwischen unseren Erfahrungen und den abstrakten Ideen.

Perspektiven hinterfragen

Durch die gewählten Begriffe sortieren wir Fakten in vorbestimmte gedankliche Rahmen. Neben dieser oftmals unbewussten Einordnung droht eine zweite Gefahr: Dieselben Wörter zu nutzen und nur gegen die Frames zu argumentieren, bedeutet, sich gedanklich auf die vorgewählte Perspektive einzulassen. Darum plädiert Wehling dafür, dass, wann immer man in der politischen Debatte gegen bestimmte Maßnahmen oder Ideologien argumentieren möchte, man in den Köpfen seiner Zuhörer einen eigenen Frame aktivieren muss, der die eigene politische Weltsicht beschreibt. Indem Wehling die Funktionsweise des Framing anschaulich erklärt, gibt sie dem Leser das Rüstzeug an die Hand, Unbewusstes zu erkennen, Frames zu enttarnen oder eben auch zu nutzen.

Dass die Verwendung von Sprachbildern in der Politik wichtig ist, ist nicht neu und Lateinschülern spätestens seit dem Lesen von Caesars „De Bello Gallico“ vertraut. Das Frame-Konzept erweitert jedoch die Kenntnisse um die Funktionsweise von Sprachbildern bei der Meinungsbildung entscheidend. Dabei setzt Wehling das Frame-Konzept in einen aktuellen Kontext und beschreibt es mit einer Leichtigkeit, die sie sich vermutlich bei ihrer Lehrtätigkeit in den USA angewöhnt hat. Das wirkt zwar nicht immer wissenschaftlich und wird nicht jedem gefallen. Wer sich aber mehr aus praktischer Relevanz statt wissenschaftlicher Leidenschaft dem Thema Framing nähern möchte, dem ist das Buch hier uneingeschränkt zu empfehlen.

Autorin: Elisabeth Wehling hat in Hamburg, Rom und Berkeley Soziologie, Journalistik und Linguistik studiert. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die politische Sprach- und Kognitionsforschung. Seit 2003 leitet sie am International Computer Science Institute in Berkeley Forschungsprojekte zu Ideologie, Sprache und unbewusster Meinungsbildung mit Methoden der Neuro- und Verhaltensforschung sowie der kognitionslinguistischen Diskursanalyse.

Hier geht es zur Rezension des Buches im PR-Journal.

Titel: Politisches Framing / Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht; erschienen als Taschenbuch; edition medienpraxis, 14; Köln: Halem 2016; Umfang: 221 Seiten; Preis: 21,- Euro; ISBN: 978-3-86962-208-8

# Politisches Framing # Kommunikation

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