Zweifelhafte Zahlenmagie

15.01.2016 Gesellschaftspolitische Kommunikation von Cornelius Brand

40 Millionen, 1 Million, 200.000, 2020, 2036, 1.000. Dies ist kein arithmetischer Intelligenztest, sondern eine relativ beliebige Menge „politischer Zahlen". Bis auf eine entstammen alle der jüngeren oder jüngsten Vergangenheit, weshalb sich bei vielen auch rasch die richtige Assoziation herleiten lässt: Obergrenze von 200.000 Flüchtlingen pro Jahr; 1 Million Elektroautos bis 2020, keine Verbrennungsmotoren mehr in Deutschland ab 2036; mindestens 1.000 abgeschobene Flüchtlinge pro Tag. Die 40 Millionen entstammen der – auch hochpolitischen – Planung der Weltausstellung 2000 in Hannover: So viele Besucher aus aller Welt würden, so hatten es Berater 1997 prognostiziert, die 153-tägige Veranstaltung besuchen. Was all diesen Zahlen gemeinsam ist? Sie waren unrealistisch, wurden nicht erreicht oder waren nie erreichbar – dies zumindest würden wir den beiden vor uns liegenden Daten unterstellen, ohne hellsehen zu können. Die Weltausstellung ging mit einem Milliardendefizit zulasten des Steuerzahlers zu Ende, weil „nur“ 18 Millionen Menschen gekommen waren. Unter anderem, weil das Vermarktungskonzept der Riesenzahl nicht gerecht wurde, an der man sich gerne berauschte.

Wir alle sind natürlich hinterher immer schlauer als vorher. Der lockere Umgang mit großen oder griffigen Zahlen im öffentlichen Raum fällt dennoch ins Auge, gerade in diesen Tagen. Es scheint einfach kein Kraut gewachsen gegen Prognosen und Ziele, die dem gesundem Menschenverstand schon oberflächlich nicht standhalten können. In Hannover gab es damals keine Infrastruktur, die 40 Millionen Menschen verkraftet hätte. In Deutschland gibt es aktuell keine Entwicklungen, die für derartig viele lieferbare E-Autos – und ihre Käufer – bis zum Zieljahr 2020 sprechen. Auch diese Zahl wird kassiert werden – außer es geschieht noch ein Wunder.

Es geht auch anders: An der ach so irrationalen Börse werden falsche Zahlen sehr schnell abgestraft, und eine auf falschen Zahlen beruhende Statik für eine Brücke führt zum Einsturz. Für die gesellschaftlichen Debatten gelten andere Regeln: Wer die erste oder größte Zahl liefert, hat die Aufmerksamkeit auf seiner Seite. Alle anderen wiederholen, dementieren oder relativieren – alles eher ungünstige Positionen. Politische Zahlen sollen zumeist keine Stabilität oder Zuverlässigkeit ausdrücken, sondern wie ein Böllerschuss vor allem ein Zeichen setzen. Problematisch wird es, wenn sich dann die Gesetzgebung auf den Weg macht, die Zahlen wider besseres Wissen erreichbar zu machen, zum Beispiel, indem sie Märkte aushebelt und Planwirtschaft verordnet.

Ist dies ein Plädoyer gegen Zahlen, zumal politische? Ja. Denn politische Zahlen ersetzen keine Argumente. Und nein, weil Zahlen als sehr gezieltes, verantwortliches, produktives Kommunikationsmittel absolut dazugehören – in Wirtschaft und Politik. Sie haben Symbolcharakter und strukturieren Debatten, wenn sie entsprechend argumentativ verpackt sind. Dies sorgfältig und überlegt zu tun, gehört zum Baukasten der Kommunikation. Aber weniger ist wirklich mehr. Der immer drohende Verlust an Glaubwürdigkeit und Aufmerksamkeit richtet sich gegen die, die doch eigentlich ihre Botschaften erfolgreich senden wollen. Dies ist ein Plädoyer für Zahlen, die ihren Platz in einer wohl überlegten kommunikativen Strategie haben. Einer Strategie, die über eine belastbare argumentative Statik verfügt und nicht beim ersten Windstoß auseinanderfällt.

# Politik # Kommunikation # Wirtschaft

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