Großstadtgeflüster: Der Brexit bringt Bankern Demut bei …

30.11.2018 Kapitalmarkt & Investor Relations von Johannes Zenner 

Wer sich in Frankfurt zum Brexit und seine möglichen Auswirkungen auf die Finanzwirtschaft umhört, erntet auch von gestandenen Großbankern Verzweiflung. Wir haben uns hinter den Kulissen umgehört – eine Stimmungsskizze.

Brexit – war da was? Am 23. Juni 2016 stimmten die Bürger des Groß-Britanniens (GB) dafür, dass ihr Land die Europäische Union (EU) verlassen soll. Nach der Wahl kam schnell das böse Erwachen – mit einem schlimmen Kater. Die Verhandlungen in Brüssel zogen sich über 17 Monate sehr zäh hin. Mitunter mutete es an wie beim Western „High Noon“: Also als ob sich GB und EU duellierten, aber jeder fürchtet, bei der ersten Bewegung der Verlierer zu sein. Das Taktieren führte letztlich, na ja, zu einer Art Ergebnis. Einem Deal mit einer Übergangsphase bis Ende 2020, in der GB im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion bleibt. Insgesamt ein fauler Kompromiss, wie viele Briten monieren. Das britische Parlament stimmt darüber am 11. Dezember ab.

Moll am Main

Hört man sich in der Finanzmetropole am Main ein bisschen um, wie Experten und Politiker die Lage beurteilen, ist die Stimmung auch eher Moll. Die Skepsis bei hochrangigen EU-Beamten und Verantwortlichen von Banken, Finanzdienstleistern und Versicherern ist deutlich. Die Briten hätten „die Scheidung so schnell wie möglich eingereicht – ohne sich Gedanken machen zu wollen, wer eigentlich die Kinder, das Haus und die Yacht bekommt“, so die sarkastische Aussage einer von zahlreichen, langen Krisensitzungen in Brüssel sichtlich gezeichneten Politikberaterin. Das Zynische sei, dass man grundsätzlich zum Brexit gerade mit Hochdruck zu verschiedenen Szenarien berate – wisse aber immer noch nicht, was eigentlich kommt: harter, weicher oder gar kein Brexit.

Politische Schizophrenie

Gar kein Brexit? Ja, auch das sei noch sehr gut möglich, so weitere, gut in Brüssel verdrahtete Stimmen. Denn: Auch das Gros der britischen Kritiker, egal, ob beispielsweise Tory oder Labour, wolle den May-Deal – und zwar möglichst schmerzhaft. Perfides Kalkül: Bei Volk und Politikern finden sich dann ganz schnell, medial nochmals verstärkt, keine Mehrheiten mehr. „Der Deal soll mit viel Schall und Rauch scheitern – und den Weg frei machen für ein zweites Referendum“, sagt eine Beraterin, die in Brüssel auch einen hochrangigen EU-Abgebordneten aus GB betreut. Hochmut komme bekanntlich vor dem Fall.

Was auf den ersten Blick beinahe schizophren anmutet, ergibt bei näherer Betrachtung etwas mehr Sinn. Beispiel Finanzbranche: Auch diese hat sich auf der Insel so richtig erst nach dem Austrittsvotum und im Verlauf der Verhandlungen mit den möglichen Folgen befasst. So verkompliziere sich Insidern zufolge unter anderem der britische Derivate-Handel deutlich – und zwar unabhängig davon, ob man es schaffe, dafür Tochterunternehmen mit weiter bestehenden steuerlichen Privilegien in beispielsweise Irland anzusiedeln.

Vereinfacht gesprochen, verteure sich ein gängiger Zahlungsvorgang bei einem Zins-Swap – also einem Derivat, bei dem zwei Vertragspartner vereinbaren, zu einem bestimmten Zeitpunkt Zinszahlungen auf festgelegte Beträge auszutauschen –, von aktuell 100 Euro auf bei EU-Austritt mindestens 120 Euro. Auch Prozesse bei Versicherungsverträgen und Fondsgeschäften würden sich „mindestens in ähnlichem Rahmen spürbar preisintensiver entwickeln“, sagt ein Partner einer großen deutschen Steuer-Kanzlei. „Diese Kosten müssen dann umverteilt werden.“ Und das schwächste Glied der Nahrungskette bilde bekanntlich der Verbraucher.

„Es ist zum Haare-Raufen“

Der Brexit sei – bevor überhaupt eingetreten – bereits vor allem für Großbanken mit breiter Aufstellung und vielseitigen Finanzgeschäften vor allem eines: „eine Geldverbrennungsmaschine“. Angesprochen auf die bislang angefallen Kosten, allein intern etwa seitens IT, Legal und Compliance, steht manchem Top-Manager nur noch das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Hinzu kämen ja noch „saftige Beratungshonorare, um sich auf die möglichen Szenarien adäquat vorzubereiten“. Vielfach könne man sich angesichts Ressourcen, die allein intern permanent geblockt seien und zu stetigen Reibungsverlusten führen, eigentlich nur noch „die Haare raufen“.

Unterm Strich ist es scheinbar vielen Entscheidern in der Finanzbranche lieber, man könne den Status quo halten – beziehungsweise mit einem neuen Referendum neu legitimieren. Das sehen natürlich vorrangig die britischen Manager so. „Uns ist sehr klar geworden, wie schlecht wir dastehen könnten ab nächstem Jahr. Wir sind dann ein Drittstaat für euch – ohne die gewohnten Privilegien, etwa steuerlich“, so eine kleinlaute Stimme. Zudem, so der sichtlich besorgte Brite, würden ihm dann wirklich die guten Leute weglaufen. Diese würden sich schon jetzt nach Jobs in Übersee umschauen – insbesondere in Frankfurt.

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# Brexit # Finanzwirtschaft

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