Passivfonds: einfach, billig – und zerstörerisch

08.07.2019 Kapitalmarkt & Investor Relations von Johannes Zenner 

Wenn meine Kollegen, Nachbarn und Freunde erfolgreich mit dem Aktienindex MSCI World fürs Alter Geld ansparen, dann kann ich das auch. So denken immer mehr Deutsche. Sie nutzen dazu einen Exchange Traded Fund (ETF), der die vermeintlich weltweit bedeutendsten Firmen abbildet. Kann man machen. Dennoch, hier zwei Denkanstöße:

1. In guten wie in schlechten Zeiten. Wer mit dem Strom schwimmt, darf keine Extrawünsche haben. Das Geld wird scheinbar automatisch dahin gelenkt, wo es am meisten erwirtschaften kann. Aber ein solches Index-Investment steigt nicht nur; es fällt auch genauso automatisch, wenn es Firmen im Index mal schlechter geht. Muss man wissen – und aushalten können.

2. Qualität ist nicht mehr so wichtig. Weil immer mehr Geld in ETFs fließt – in den USA sind es bereits 20 Prozent aller Anlegerleger – gerät eine bisherige Grundformel an den Börsen zunehmend aus dem Gleichgewicht: gutes Unternehmen gleich guter Aktienkurs. Fachleute unter anderem der Großbank Goldman Sachs , die selbst auch an ETFs mitverdient, haben bereits 2017 ermittelt, dass durch die passiven Fonds die „Informationsfunktion des Preises“ am Kapitalmarkt leide. Bedeutet: Der Wegfall aktiver Investoren, etwa in Einzeltiteln wie Amazon, führt dazu, dass der transparente Wettbewerb von Unternehmen um die Gunst möglichst vieler Anleger an Bedeutung verliert. Mit der Folge, dass es durch ETFs immer weniger Anleger gibt – und die Zugehörigkeit eines Unternehmens zu einem Index wichtiger wird als der wirtschaftliche Erfolg. Im Korb fallen faule Eier dann weniger auf.

Werden nun, frei nach SPD-Revoluzzer Kevin Kühnert, auch die Kapitalmärkte Opfer von Gleichmachung? Hoffentlich nicht. Schließlich bedeutet soziale Marktwirtschaft doch, dass Unternehmen durch Leistung im Wettbewerb überzeugen – und zudem Mehrwert für Mitarbeiter und Gesellschaft schaffen. Das zahlt sich langfristig für Anleger aus, die ja vor allem in das Potenzial ausgewählter Unternehmen investieren. Hinzu kommt: Deren Leistungen hängen, insbesondere durch Globalisierung und Digitalisierung, von vielen weltweit interagierenden Faktoren ab. Unternehmerischer Erfolg wird schwankungsanfälliger. Flexibilität ist gefragt. Mit ETFs lässt sich da nicht einfach zwischenzeitlich umsatteln. Mitgehangen, mitgefangen.

Spannend bleibt, ob sich die ursprüngliche, nennen wir sie freiheitlich-liberale, Sicht auf die Kapitalmärkte wirklich weiter vom Passivtrend zurückdrängen lässt. Oder ob aktive Fondsmanager doch noch eine Renaissance erleben: Wenn wieder mehr Anlegern bewusst wird, dass ETFs zwar eine gute Basislösung fürs Depot sind – aber sicher keine Wunderwaffe zum Vermögensaufbau.

Vertrauen über Fakten zurückgewinnen

Dazu müssen gute Fondsmanager und -boutiquen aber ihr Können und ihre Alleinstellungsmerkmale klarer kommunizieren. Die fortschreitende Konsolidierung der Branche wird weniger Gewinner lassen. Diese können mit überdurchschnittlicher Leistung und guter Kundenkommunikation neue Leidenschaften wecken. Und sie können – Stichwort: Fondsmanager – ein Gesicht zum Erfolg zeigen, was sie und ihre Kompetenz greifbarer macht.

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# ETF # AssetManager # Fonds # Börse

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