180 Versicherungskrisen – Da kann man etwas lernen!

06.09.2018 Krise & Wandel von Dr. Hubert Becker 

180 Krisenfälle oder „near misses“ hat die europäische Versicherungsaufsicht (EIOPA) untersucht. Konkrete Fälle finanzieller Schwierigkeiten bei Versicherungsunternehmen, die eine Intervention der Aufsicht nötig machten. Kompetenzmängel und mangelnde Governance gehören zu den Hauptursachen, warum Versicherer in existenzielle Krisen schlittern.

Die Ergebnisse sind nicht total überraschend, aber sie sind auch wichtig für eine Einschätzung der Widerstandsfähigkeit (Business Resilience) der Unternehmen gegen Krisen. Denn praktisch alle Fälle dürften zu erheblichen Reputationsproblemen für das Unternehmen geführt haben. Und dieser Reputationsverlust kommt extrem schnell. Denn abzuwarten, ob die Probleme eines Geschäftspartners möglicherweise auch für das eigene Unternehmen oder die betreuten Kunden relevant sind, kann sich heute unter Risikoaspekten kaum jemand leisten. So werden Krisen durch aufmerksames Risikomanagement von Geschäftspartnern deutlich relevanter als sie in der Eigenwahrnehmung vielleicht sind und belasten das Bestandsgeschäft ebenso wie Neuanbahnungen.

Ist die Krise einmal da, stellt sich die Frage, wie Reputation geschützt oder wiederaufgebaut werden kann. Aber eigentlich ist es für einen effizienten Schutz dann schon zu spät. Denn der (Wieder-) Aufbau von Reputation dauert Jahre. Das Internet vergisst nicht. Negative Meldungen anerkannter Medien haben in Suchrankings dauerhaft höhere Kraft als aktuellere Nachrichten aus dem Unternehmen selbst.

Interessanterweise stellt die EIOPA unterschiedliche Hauptursachen für Krisen in den verschiedenen Versicherungssparten fest. In der Lebensversicherung „führt“ mangelnde Kompetenz des Managements die Liste der Ursachen an, dann folgen Investment- und Marktrisiken. In der Sachversicherung sind es ungenügende versicherungstechnische Rückstellungen, gefolgt von Governance und Kontrolle. Vor allem Kompetenz- und Governance-Probleme sind aber Themen, die unmittelbar natürliche Personen treffen und die Geschäftsleitung diskreditieren.

Quelle: EIOPA

Zu einer verantwortlichen Governance gehört es, sich vorbeugend mit möglichen Problemen auseinanderzusetzen. Natürlich erstellt jedes Unternehmen in seinem Geschäftsbericht auch einen Risikobericht. Die wesentlichen Gefahren werden darin benannt und deren Abwehr oder Eindämmung in der Regel mit getroffenen Gegenmaßnahmen belegt. Doch dabei kommt dem Reputationsschutz durchgängig eine zu geringe Aufmerksamkeit zu. Geschäftsrisiken dürfen nicht rein monetär bewertet werden. Denn finanzielle Verluste, die möglicherweise betriebswirtschaftlich „verdaubar“ sind, schädigen das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Organisation auf lange Zeit.

Die EIOPA hat von 1999 bis 2016 insgesamt 180 Krisenfälle aus 31 Ländern untersucht. Der Report kann als PDF-Dokument unter dem folgenden Link heruntergeladen werden: Publication Reports EIOPA.

# Reputationsschutz # Kompetenzmangel # EIOPA

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