Die Causa Rezo – ein Plädoyer für eine souveräne Kommunikation im digitalen Neuland

29.05.2019 Krise & Wandel von Dr. Hubert Becker und Thomas Oster 

Man müsse über Regeln für „Meinungsmache“ reden, forderte Annegret Kramp-Karrenbauer am Tag nach der für die Union enttäuschenden Europawahl. Damit reagierte sie vor allem auf das Video des YouTubers Rezo mit dem Titel „Die Zerstörung der CDU“ sowie auf weitere Videos von 70 YouTubern. Sie alle hatten gegen die Wahl – unter anderem – der Union aufgerufen.

Diese Reaktion ist der vorläufige Höhepunkt im Umgang mit den Meinungsäußerungen der YouTube-Blogger. Sie zeigt die ganze Hilflosigkeit der Union. Nun sollen es Regeln in der Debattenkultur richten, nicht eine eigene aktive Kommunikation. Eine angemessene Kommunikationsstrategie? Wohl noch immer nicht gefunden. Das belegt auch die Chronologie der Reaktionen der Union in den zurückliegenden Tagen. Auf nicht bibelfesten Spott (AKK: „Ich habe mich gefragt, warum wir nicht eigentlich auch noch verantwortlich sind für die sieben Plagen, die es damals in Ägypten gab“) sollte ein Antwortvideo des 26-jährigen Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor folgen, dessen Veröffentlichung aber wieder abgesagt wurde. Stattdessen wurde Rezo zum Dialog eingeladen. Dies verkündete CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak nicht auf YouTube, sondern in einem eigens einberufenen Pressestatement vor der versammelten Hauptstadtpresse. Und so erhielt das Video immer weiteren Auftrieb – bis zu zehn Millionen Aufrufe am Tag der Europawahl.

Strategie? Abwarten, Tee trinken, PDF veröffentlichen...

Die Strategie der Union? Vermutlich, den Shitstorm einfach vorbeiziehen zu lassen – nach dem Motto: Was von allein kommt, geht auch von allein wieder. Aber angesichts der Viralität des Videos war dies so kurz vor dem Wahltag eher keine gute Idee. Denn diese Strategie kann – wenn überhaupt – nur langfristig aufgehen. Wenn man es sich also leisten kann, in längeren Zeitdimensionen zu denken und dadurch summa summarum keine einschneidenden Verluste davonträgt.

Und dann kam am 23. Mai plötzlich doch eine Antwort der Union: ein elfseitiges PDF, das dezidiert Behauptungen des Bloggers Rezo widerlegte, richtigstellte und unterschiedliche Ansichten aufzeigte. Nur: als angemessene Antwort in Zeiten der Digitalisierung und sozialen Netzwerke war es wirkungslos. Denn wer mit einem elfseitigen PDF auf ein virales Video antwortet, lässt wirklich alle Nutzungsgewohnheiten der User außer Acht. Hier hätte es einer anderen Haltung bedurft, die die angestoßene Diskussion als Chance begreift.

Reichweite nutzen, Kampagne starten

Eine derartige Aufmerksamkeit bei jungen Wählern hätte die CDU für eine wirkungsvolle Positionierung über YouTube und den weiteren digitalen Kanälen nutzen müssen. Eine Landing Page, die Fakten und Stellungnahmen nutzerfreundlich, grafisch und interaktiv aufbereitet, wäre als Content-Hub die geeignetere Grundlage der Kommunikationsstrategie gewesen. Statement-Videos des jungen CDU-Generalsekretärs Paul Ziemiak und anderer Unions-Vertreter zu verschiedenen Themen hätte die Partei zielgruppengerecht auf YouTube & Co. distribuieren können und damit gleichzeitig der Union Gesichter gegeben.

Mit einer solchen Kampagne hätte die Union nicht nur Behauptungen mit Fakten geradegerückt. Sie hätte vor allem eine große Plattform gehabt, um bei jüngeren Wählern zu punkten. Denn die große Aufmerksamkeit war geradezu ein Geschenk, sich zu den Themen stärker zu positionieren, die letzten Endes die Europawahl entschieden haben – wie zum Beispiel der Klimaschutz. So haben stattdessen nur 13 Prozent der Wähler unter 30 Jahren bei der Europawahl ihr Kreuz bei der Union gemacht.

Klar ist: Kommunikativ muss ein Umdenken stattfinden. In Zeiten der Digitalisierung gibt es eben nicht mehr nur den einen Sender, der eine Botschaft an einen Empfänger übermittelt – wie in den guten alten Zeiten der linearen Medien TV und Zeitung. Heute gibt es den Rückkopplungseffekt. Jeder User kann Produzent und Konsument von Inhalten sein. Daher bedarf es eines ständigen Monitorings, um ab einer kritischen Reichweite von nutzergenerierten Inhalten – wie im Falle Rezo – sofort reagieren zu können. Und zwar, bevor ein Video viral geht und es die traditionellen Medien in die Breite der Bevölkerung tragen. Der Monolog gehört der Vergangenheit an. Der Dialog mit den Usern ist der Schlüssel, um aufkommende Trends und Krisen identifizieren, präventiv handeln und Chancen zur eigenen Positionierung proaktiv nutzen zu können.

 

Screenshot: Rezo auf Youtube, Quelle: Youtube / Rezo ja lol ey

# Rezo # Europawahl # CDU

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