Tiefer Fall

23.09.2016 Krise & Wandel von Christian Fälschle

Alles, was er anfasste, gelang. Mit 28 Jahren wurde er als Spieler Fußball-Weltmeister, mit 44 wurde er als Trainer Weltmeister. Als er 54 war, holte er die Weltmeisterschaft nach Deutschland. Als Chef des Organisationskomitees wollte er den Mega-Event organisieren, ohne einen Euro dafür zu nehmen.

Jetzt, mit 71 Jahren, kommt auf einmal eine andere Person zum Vorschein, die so gar nicht zum Heldenbild passt: Der Kaiser war geldgierig. Franz Beckenbauer kassierte beim deutschen Sommermärchen über einen Vertrag mit dem staatlichen Sponsor Oddset 5,5 Millionen Euro. Er war nicht der selbstlose, uneigennützige Diener für Deutschland, als den er sich gern darstellte.

Unlängst erklärte er, dass er die Dokumente, die ihm seine Berater vorlegten, stets blind unterschrieben habe. Glauben muss man solchen Unsinn nicht. Aber die ehrenwerte Entourage des DFB hätte sich schon viel früher zu Wort melden können, hätte Beckenbauer steuern und beraten müssen, um Schaden zu verhindern. Der DFB hat in der Rolle, die Fußball-WM kommunikativ zu steuern, völlig versagt. Der DFB war en detail in die Geschäfte von Beckenbauer eingeweiht. Die Fußballaristokraten vom DFB waren mindestens ebenso gierig und korrumpiert wie Beckenbauer. Statt ihn aufzuhalten oder vielleicht sogar zu maßregeln, spielten sie das Spiel munter mit. Auch die Funktionäre waren gierig. Sie wollten das Geld, die Öffentlichkeit, den Ruhm und den Glanz, den eine Weltmeisterschaft auf sie abstrahlen konnte. Sie halfen Beckenbauer, an der Mär vom Ehrenamt über Jahre hinweg festzuhalten. Doch eine Strategie, wie man den Kaiser ins rechte Licht setzen konnte, hatten sie nicht.

Es ist viel Heuchelei dabei, Beckenbauer jetzt als Alleinschuldigen abzukanzeln, zumal man sich jahrelang in seinem Licht gesonnt hat. Beckenbauer war ob seiner weltmännischen Lässigkeit sehr beliebt, und niemand hätte ihm eine angemessene Entlohnung missgönnt. Auch hier haben die Verantwortlichen des DFB den Kaiser im Regen stehen lassen. Und bei den Medien, die jahrelang an dem Bild von der Lichtgestalt mitarbeiteten, ist in kürzester Zeit aus Verehrung Verachtung geworden. Der Spiegel hat es schön auf den Punkt gebracht. Die Deutschen verehrten Beckenbauer, „weil wohl jeder so sein wollte wie er: leichtfüßig, elegant, reich und ein bisschen gerissen“.

# Krise # Beckenbauer # DFB

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