Gut geht anders – Interviews im Reset

20.01.2016 Unternehmenskommunikation von Thomas Stein

„Wenn Du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben“, wusste Boethius, der römische Philosoph und Politiker. In einem Interview ist Schweigen naturgemäß nicht Sinn der Sache, darum sollte jede Antwort und Aussage vorab wohl überlegt sein. Was der Vorstandsvorsitzende der VW AG, Matthias Müller, in einem Radio-Interview nicht bedachte, sollte die Kommunikationsabteilung im Nachgang korrigieren. Entsprechend baten die PR-Verantwortlichen den US-amerikanischen Radiosender NFP darum, das Interview mit Müller zu wiederholen. Der Radiosender ließ sich darauf ein. Im Ergebnis blieb dies aus Sicht von VW aber erfolglos, da das ursprüngliche Interview zum Teil bereits gesendet wurde und der Korrekturversuch auch deshalb im Nachgang verpuffte. Vermutlich hatte sich der Radiosender überhaupt nur deswegen auf ein zweites Interview eingelassen, um von Müller selbst zu erfahren, welche seiner Aussagen VW denn im Nachgang als Fehler empfand und wie diese korrigiert werden sollten.

Vor einigen Jahren gab die FAZ bekannt, dass sie künftig auf Wortlautinterviews gänzlich verzichten möchte. Der Hintergrund dürfte gewesen sein, dass gerade PR-Verantwortliche diese Interviews schätzen, weil sie dort ihre Sicht der Dinge gut vermitteln können. Voraussetzung hierfür ist, dass der Interviewte die vorbereiteten und abgestimmten Botschaften auch wie vereinbart sendet. Korrekturen im Nachgang eines Interviews sind einem Journalisten – völlig zu Recht – regelmäßig schwer zu vermitteln und sollten daher mit Fingerspitzengefühl und nachvollziehbar, zum Beispiel um missverständliche Aussagen zu vermeiden, kommuniziert werden. Das unwürdige Gezerre um Inhalte eines Interviews im Nachgang kann andernfalls auch dazu führen, dass die Zeitung das Interview gar nicht mehr veröffentlicht – oder es schwärzt. Auf diesem Weg wurde beispielsweise beim Handelsblatt in der Vergangenheit auf die, vermeintlich oder tatsächlich, übertriebene Einflussnahme durch PR-Verantwortliche aufmerksam gemacht. So geschehen 2011, als das Interview mit Baudoin Prot, Chef der größten französischen Bank BNP Paribas, ohne Antworten gedruckt wurde. Im Kontext der Finanzkrise wurde das misslungene Interview von Prot als Zeichen für die desolate Lage der gesamten Finanzbranche interpretiert. Hätte er doch nur geschwiegen.

# Interview # Reputation # Unternehmen

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