Böhmes Small Talk

mit Florian Bohnet, Head of Research & Portfoliomanagement bei DJE Kapital AG. Die unabhängige Vermögensverwaltung ist seit 45 Jahren am Kapitalmarkt aktiv.

22.06.2020 Böhmes Small Talk von Carsten Böhme 

Carsten Böhme: Im Zuge der Corona-Krise haben sich viele Ereignisse in Politik und Wirtschaft überschlagen – begleitet von dynamischen Entwicklungen an den Kapitalmärkten. Was bedeutet das für Unternehmen und eine gute Investorenkommunikation?

Florian Bohnet: Kommunikation schafft Transparenz und Vertrauen. In der Regel sinkt bei Unternehmen in schwierigen Zeiten jedoch die Visibilität. Trends können dann auch oftmals nicht mehr fortgeschrieben werden. Die Prognose der Ergebnisse wird schwieriger. In solchen Phasen lernt man als Investor, den Wert von verlässlichen Geschäftsmodellen noch mehr zu schätzen. Für uns sind dann ehrliche Aussagen zum Kundenverhalten, zu Lieferketten und Preisen von großer Bedeutung. Am wichtigsten ist, dass mit offenen Karten gespielt und die Situation nicht schöngeredet wird. Wirklich hilfreich sind Informationen, die uns helfen, in Szenarien zu denken. Wo ist der Break even? Wieviel Kapazitätsauslastung braucht man? Wie schnell können Kosten reduziert werden? Wie hoch ist der Anteil von wiederkehrenden Umsätzen und langfristigen Serviceverträgen?

Welche Inhalte eines Geschäftsberichts sind Ihnen am wichtigsten?

Bei der Analyse von Geschäftsberichten bzw. Jahresabschlüssen sind für uns unter anderem der Ausblick und die Geschäftsentwicklung im abgelaufenen Jahr von besonderer Bedeutung. Ferner sind Aussagen im Hinblick auf die Liquiditätsentwicklunfg, also Cash Flow Statements, sehr wichtig. Beim Ausblick gehen wir davon aus, dass er die Handschrift des Vorstands trägt, daher die große Bedeutung.

Fußnoten im Bericht unterstützen unsere Arbeit. So können wir uns ein besseres Bild zu wichtigen Bilanzpositionen wie Pensionsverpflichtungen, Rückstellungen oder Leasingverpflichtungen machen.

Welche Bedeutung hat für Sie die nichtfinanzielle Berichterstattung? Reichen die gesetzlichen Vorgaben des CSR-RUG für Ihre Arbeit?

ESG ist wichtig, und wir sehen die steigende Bedeutung für den Kapitalmarkt und bei unseren Kunden. Jedoch analysieren wir diese Aspekte nicht in allen Details selbst, sondern greifen auf ESG-Ratings zurück. Diese fließen dann systematisch in unsere Investitionsentscheidungen ein.

Was die gesetzlichen Vorgaben betrifft, so halten wir die aktuellen Regeln für die Berichterstattung über nichtfinanzielle Faktoren für ausreichend. Wir sehen da eher die Unternehmen in der Verpflichtung zum Handeln.

Nachhaltigkeitsberichte sind mitunter sehr umfangreich. Ist das Masse statt Klasse? Welche Erwartungen haben Sie an einen guten Nachhaltigkeitsbericht?

Das ist tatsächlich ein kritischer Punkt. Für uns ist die Berichterstattung meist zu umfangreich.

Bei DJE erwarten wir von den Unternehmen ein klares Bekenntnis zur Nachhaltigkeit und einen glaubwürdigen Fahrplan. Dieser sollte konkret und nachvollziehbar sein und sich auch in der Vergütung des Managements widerspiegeln. Die Länge spielt keine Rolle, tatsächlich denke ich: in der Kürze liegt die Würze.

Für unsere Arbeit mittelbar relevant sind die Daten, die die Unternehmen den Ratingagenturen zur Verfügung stellen. Hier ist Datenqualität gefragt, damit die Informationen auch verlässlich und über die Firmen hinweg vergleichbar sind. Bei DJE verwenden wir die Ratings von MSCI.

Und noch einmal Nachhaltigkeit: Wie gewichten Sie die drei Säulen Ökologie, Gesellschaft & Soziales, Governance? Sind die gleichwertig, oder gibt es Prioritäten? Und wie ist die Gewichtung zwischen Ökonomie und ESG?

Hohe Priorität hat für uns grundsätzlich die Ökologie, da hier die weitreichendsten Effekte für unseren Planeten zu sehen sind. Eine gute Governance ist dafür jedoch auch eine unabdingbare Voraussetzung. Die gesellschaftlichen und sozialen Aspekte fließen natürlich auch in das Rating ein.

Wie wichtig oder hilfreich sind jetzt virtuelle Roadshows, Investorenkonferenzen etc.? Welche Erwartungen haben Sie an die Umsetzung und die Unternehmen?

Das war und ist eine spannende Entwicklung. Binnen weniger Wochen hat Corona die etablierten Prozesse am Kapitalmarkt mit ständigen Konferenzen, Roadshows und Meetings komplett umgeworfen. Umso faszinierender, wie schnell sich neue Wege gefunden haben.

Entsprechend wichtig waren die neuen virtuellen Formate für uns. Und auch die Unternehmen selbst schätzen die größere Effizienz, schließlich ist Zeit bei allen eine knappe Ressource. Wir gehen auch davon aus, dass diese neuen Formate bleiben werden – auch aus Sicht der Nachhaltigkeit ist das eine begrüßenswerte Entwicklung. Aber natürlich werden irgendwann auch Präsenzveranstaltung wieder stattfinden, jedoch sicherlich in geringerem Umfang.

Dauerbrenner Quartalsmitteilung: Warum ist die regelmäßige Berichterstattung aus Investorensicht so wichtig? Welche Inhalte sind dabei relevant?

Auch wir verfolgen diese Debatte. Bei einer Vielzahl von Unternehmen würde eine halbjährliche Berichterstattung reichen. In der Schweiz gibt es zum Beispiel die Tendenz weg von ausführlicher Quartalsberichterstattung. Für Unternehmen und Investoren hätte die Reduzierung der Quartalsberichterstattung den Vorteil, dass sich beide längerfristig orientieren können und weniger Zeit auf Dokumentation verwenden müssen.

Thema Covid19. Welche Informationen erwarten Sie jetzt von Unternehmen bzw. wo legen Sie jetzt besondere Schwerpunkte bei der Analyse?

Covid-19 wird uns noch eine Weile beschäftigen. In der Berichterstattung der Unternehmen werden wir vor allem auf folgende Aspekte achten:

1. Quantifizierung der Effekte durch die Pandemie

2. Kurzfristige und langfristige Maßnahmen

3. Wie verändern sich Produktionsprozesse und Lieferketten?

4. Wie sieht es mit dem Insourcing von Prozessen aus?

5. Learnings für die Zukunft

Neues EU-weites Berichtsformat (ESEF) – was bringt es für Investoren und welche Erwartungen haben Sie dabei an die Unternehmen?

Das ist auch schon seit zwanzig Jahren eine Baustelle. Die Umstellung betrifft uns nur indirekt, denn die grundsätzliche Verfügbarkeit der Informationen ändert sich ja nicht. Wir gehen aber davon aus, dass die gelieferten Informationen leichter auszuwerten sind. Entsprechend erwarten wir eine Steigerung der Qualität in unserer Datenbank, weil Vereinheitlichung und Standardisierung bei der Maschinenlesbarkeit helfen wird.

Herr Bohnet, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für Ihre Arbeit!

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# Portfoliomanagement # Investoren # Geschäftsbericht # ESG-Rating

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