Greta fliegt nicht nach Australien

15.01.2020 Nachhaltigkeit von Dr. Hubert Becker 

Medien sind wichtig. Journalisten machen zum Großteil tolle Arbeit. Konflikte und unethisches Verhalten sollen öffentlich diskutiert werden. Aber warum steht der Siemens-Konzern tagelang am Medienpranger für einen relativ kleinen Auftrag in Australien?

Objektiv gesehen ist der Auftrag für Siemens, Signalanlagen für den Schienenanschluss an ein gigantisches Kohlefördergebiet zu bauen, nun wirklich nicht der entscheidende Punkt. Das Vorhaben wurde in Australien jahrelang diskutiert und schließlich politisch entschieden. Darüber mag man streiten – gerne auch öffentlich und in den Medien. Aber den Eindruck zu erwecken, Siemens hätte eine Klimakatastrophe verhindern können?

Subjektiv richtig ist allerdings, dass die Fridays-for-future-Bewegung Siemens als Projektionsfläche nutzt, um zu emotionalisieren und der Umweltsünde ein prominentes Gesicht zu geben. Abstrakte Politik auf einem Planeten am anderen Ende der Welt regt niemanden auf, aber ein Weltkonzern mit deutschen Wurzeln und einem medienaffinen CEO ist der fast perfekte Resonanzboden, um zu polarisieren. Erst recht vor dem Hintergrund der enormen Aufmerksamkeit für die Situation in Australien durch die verheerenden Brände.

Und die Reaktion von Siemens? Zugegeben: Meine erste Reaktion wäre auch gewesen, offen auf den Gegner zuzugehen. Aber nach kurzem Nachdenken musste klar sein, dass damit nichts zu gewinnen war. Ein Rückzug vom Vertrag kam wohl kaum realistisch in Betracht, und das Angebot an Luisa Neubauer, Verantwortung im Siemens-Aufsichtsrat zu übernehmen, konnte eigentlich nur als Polemik gewertet werden. Im „Handbuch der Krisenstrategien“ wäre hier das Kapitel der „kleinen Brötchen“ angesagt gewesen. Aber die sind wohl nichts für Herrn Kaeser.

Gleichwohl übernehmen Unternehmen zunehmend eine wichtige Rolle für die Klimapolitik. Große Versicherer ziehen sich aus der Absicherung von Carbon-Investments zurück, Asset-Manager verweisen darauf, dass Klimarisiken auch Anlagerisiken sind. Vielleicht ist es doch der Markt, der für kräftige Anpassungen sorgt, auch wenn es wohl des politischen und Bürgerinitiativen-Anstoßes bedurfte.

Bleibt die Frage, welche Rolle die Medien in diesem Stück spielen. Sind sie Berichterstatter von Fakten? Oder Gatekeeper, die Wichtiges von weniger Wichtigem trennen? Oder Sprachrohr einer Volksbewegung? Jedenfalls sollten die professionellen Journalisten nicht dem Hype der Social-Media-Kanäle nachrennen. Mir ist es lieber, wenn gute Recherche bei der Meinungsbildung unterstützt. Mit Fakten, Zusammenhängen und einer guten Portion Analyse statt Emotion. Ein Kommentar als Würze schadet dann nicht. Zum Beispiel, ob es sinnvoll ist, Anwohner aus Australien für Protestaktionen zur Siemens-Hauptversammlung nach Deutschland zu fliegen.

# ESG # Journalismus # Meinungsbildung

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