Greta und das reine Heilige

16.12.2019 Public Affairs von Wolfgang Nübold & Dr. Hubert Becker 

Welche Anforderungen stellt unsere Gesellschaft an die ethische Reinheit von Unternehmen und Organisationen? Produkte und unternehmerisches Handeln unterliegen einer zunehmend strengeren Bewertung durch relevante Öffentlichkeiten, die als Konsumenten und tonangebende Vorbilder eine erhebliche Ressoucenkontrolle ausüben. Das gilt in gleichem Maß für Institutionen, die keine wirtschaftlichen Ziele verfolgen: Vereine, Gewerkschaften und Parteien, Kirchen, NGOs. Dabei tut sich zunehmend eine Kluft auf zwischen den Werten, die unsere Gesellschaft geformt und geprägt haben, und der Akzeptanz der zugehörigen Institutionen. Es geht oft weniger um die Moral, sondern zunehmend um ein mitunter diffuses Gefühl, das sich in subjektiven Wahrnehmungsblasen entwickelt.

Überlieferte Macht- und Einflussstrukturen haben längst ihre ordnende Kraft in unserer Gesellschaft verloren. Hinzu kommt der Verlust der Kommunikationshoheit der klassischen Medien. In den 1950er-Jahren traute sich kaum jemand, Pfarrer, Bischöfe oder gar den Papst zu kritisieren. Heute ist das eine Selbstverständlichkeit. Doch den etablierten Institutionen fehlt noch immer das Instrumentarium, mit dieser veränderten Situation umzugehen. Mit Kommunikation allein lässt sich das Problem nicht lösen. Unerlässlich ist jedoch, die Faktoren zu beachten, die heute in der öffentlichen Meinungsbildung für den Reputationsaufbau und -erhalt bestimmend sind. Der Soziologe und Kulturtheoretiker Richard Sennett konstatierte 1974 in seinem Buch „The Fall of Public Man“ (deutsch: „Verfall und Ende des öffentlchen Lebens. Die Tyrannei der Intimität“) eine „systematische Unterstützung der narzisstischen Abkehr von der Realität (...), insofern soziales Handeln nicht mehr vor allem in bezug auf das Ergebnis, sondern in bezug auf die ihm zugrunde liegende Motivation bewertet wird“. Sennet formuliert zugespitzt: „Heute kommt es nicht darauf an, was man tut, sondern wie man sich dabei fühlt.“

Als Barack Obama der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde, hatte er noch nicht eine einzige Gelegenheit, in das Weltgeschehen einzugreifen. Und die Diskussion, ob Greta Thunbergs Segelboot einen nachteiligen CO2-Footprint hinterlässt, war nur kurz und hat ihrem Ansehen und ihrer Glaubwürdigkeit nicht geschadet. Was ihre öffentliche Wahrnehmung bestimmt und ihre Wirkung stärkt, sind ihre Mission und ihre Vermittlung der persönlichen Betroffenheit.

Vielleicht sollten wir dies bedenken, wenn wir uns das nächste Mal über gesellschaftliche Fixpunkte wie Weihnachten unterhalten.

# Kirche # Werte # Meinungsbildung

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