Virologe contra Bild-Zeitung: Warum Wissenschaft, Politik und Medien unter Kommunikation verschiedene Dinge verstehen

27.05.2020 Public Affairs von Dr. Hubert Becker 

Die Coronakrise hat neue „Medienstars“ produziert: Wissenschaftler, deren Erfahrung und Erkenntnisse wichtige Hilfestellungen für die Politik sind. Doch die Mechanismen der Kommunikation in Wissenschaft, Politik und Medien unterscheiden sich gewaltig. Dementsprechend „knirscht“ es zwischen den Beteiligten. Verkürzte Zitate aus Studien in den Medien verzerren inhaltliche Aussagen und schaffen Konflikte. Ähnliches gilt, wenn Politiker sich mit ihren Entscheidungen auf Aussagen der Wissenschaft stützen und dabei der Eindruck entsteht, dass die Experten die Politik bestimmen.

Vorläufigkeit, Unschärfe und Diskurs prägen die Wissenschaftskommunikation. Das gilt erst recht, wenn es um neu auftretende Phänomene wie das Coronavirus geht, dessen Komplexität bis heute niemand einschätzen kann. Vorläufigkeit und Unschärfe haben aber wenig Platz in einer politischen Diskussion. Verstärkt wird das durch mediale Zuspitzung, die aus einem wissenschaftlichen Diskurs flugs einen „Konflikt“ macht und diesen auch noch personalisiert, als ginge es um einen Kampf.

Die Komplexität von Virus, Pandemie und ihren Auswirkungen ist ein weites Feld, das kommunikativ schwer zu fassen ist. Mittlerweile beschäftigen uns nicht nur medizinische und ethische Fragen, sondern auch wirtschaftliche. Dies alles in einer Gesamtbetrachtung zu berücksichtigen, ist kaum möglich. Jede Verkürzung aber wird wiederum zum Nährboden für Polemisierung, Populismus und Verschwörungstheorien.

Wie lässt es sich also vermeiden, dass solche „Kommunikationsstörungen“ den Weg zu geeigneten und konsensualen Lösungen behindern? Dazu drei Thesen:

  • Zurückhaltung tut gut, auch wenn die „große Bühne der einfachen Wahrheiten“ lockt.
    Auftrag der Medien ist Information und Aufklärung. Das geht auch ohne Konflikthascherei. Und auch Politiker sind nur Menschen, die darauf verweisen dürfen, auf welchen Informationen ihre Einschätzungen beruhen, dass diese vorläufig sein können und bei Bedarf revidiert werden müssen.
  • Die richtigen Medien wählen
    Wissenschaftskommunikation taugt nicht für Social Media und schnelle Interviews. Der kurze, schnelle Meinungsaustausch kann der Komplexität der betrachteten Themen nicht gerecht werden. Deshalb sind Wissenschaftler gut beraten, ihre Erkenntnisse nicht mit der schnelllebigen Tageskommunikation zu verbinden.
  • Interdisziplinär denken
    Kommunikation hat die Aufgabe, die Sichtweisen der verschiedenen Disziplinen auf ein Problem mit dem Informationsbedarf der Empfängergruppen zusammenzubringen. Medizin, Biologie, Wirtschaft, Ethik und Politik haben unterschiedliche Informationsstränge, die zusammengeführt werden müssen. Dafür wurden Journalisten und Kommunikatoren ausgebildet.

Wir erleben durch die Pandemie gerade eine beispiellose Entwicklung, die unsere Gesellschaft aller Voraussicht nach nachhaltig verändern wird. Das sollten wir als Chance begreifen, um neue Formen von Diskurs und Dialog zu entwickeln und Vertrauen aufzubauen. Das geht nur über offene Kommunikation und gegenseitiges Verständnis. Karl Popper lässt grüßen!

# Coronakrise # Wissenschaftkommunikation

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